Medienservice
Segeltour auf der Ostsee gegen Proteinpiraten |
Vom
7. bis zum 16. Juli 2006
 |
Home
Inhalt Pressemappe

Was
sind Shrimps?
Von Dr. Onno Groß
Die
unter dem Sammelnamen „Shrimps“ bekannten Garnelen
zählen zu den Krustentieren (Crustacea). Garnelen sind mit
langen
Fühlern versehene, zehnfüßige so genannte
Langschwanzkrebse. Sie haben hornartige, biegsame
Körperbedeckungen (Panzer), große, die Stiele der
äußeren Fühler überragende
Schuppen und in einer
Linie eingelenkten Fühlhörner. Der Lebensraum der
etwa 2000
verschiedenen Arten bekannten Garnelenarten sind sowohl das Salz- als
auch Süß- und Brackwasser. Im Vergleich zu den
Panzerkrebsen
sind die Garnelen gute Schwimmer (deswegen auch die Unterordnung
Natantia, die „Schwimmenden“). Sie finden sich
jedoch oft
auf dem Meeresgrund, um sich zum Schutz vor Fressfeinden in den Sand
einzugraben oder auf ihren Schreibeinen herumzulaufen.
Die
kleineren Garnelen
werden handelsüblich als Shrimps oder Prawns bezeichnet. Um
kleinere Shrimps handelt es sich, wenn 200 Tiere benötigt
werden,
um 1 kg aufzuwiegen. Weltweit ist die Namensgebung der Tiere nicht
einheitlich und verwirrend. Für sehr große Garnelen
haben
sich die Bezeichnungen „Tiger Prawns“,
„Tigergarnelen“, „Kaisergrante“
und
„Scampi“ eingebürgert.
Bei
den Tigergarnelen
handelt es sich zumeist um die Art Penaeus monodon, die etwa 60 % des
Weltmarktes ausmacht. Diese Art wird in den tropischen Zuchtbecken mit
Besatzdichten von bis zu 100 Tieren pro Quadratmeter
gehältert.
Andere genutzte Arten sind Penaeus vannemei (Western White Shrimp; 16 %
Anteil), P. japonicus, P. chinensis/orientalis usw.
Unsere
heimische
Nordseegarnele (oder Nordsee-Krabbe oder Granat) heißt
wissenschaftlich Crangon crangon. Tiefseegarnelen sind zumeist die
Arten Palaemon serratus oder Pandalus borealis, die im Nordatlantik
gefangen werden. Die Languste - oder Stachelhummer - Palinurus vulgaris
ist in Amerika und Pazifik zu finden. Der Hummer (Homarus gammarus)
lebt dagegen in bis zu 40 Meter Tiefe in der Nordsee.
Als
Tipp, um beim Einkauf
rasch einen Überblick zu bekommen, kann man danach gehen, dass
der
abgeschälte Garnelenschwanz immer höher als breit
ist, der
Schwanz von Krebsen wie Scampi und Hummern eher rund oder sogar breiter
als hoch ist. Garnelen werden vor allem als Tiefkühlfertigware
mit
6-10 Tieren pro Packung angeboten, etikettiert als Cocktail-Garnelen,
Grillspieße oder als so genannte Garnelenkränze. Die
Tiere,
die man für gewöhnlich in einem
„Krabbencocktail“
findet, sind eigentlich Garnelen. Hier tritt also schon die erste und
am weitesten verbreitete Namensverwechslung auf. Diese Garnelen werden
von den Fischern auch oft als „Granat“ bezeichnet.
Quelle: „Was sind Shrimps“
http://www.greenpeace.at/meer_shrimps.html
Aquafarming
– Einführung in ein Auslaufmodell
von
Martina Möller

1. Das
Mangroven-Ökosystem Funktionen der Mangroven:
•
Lebensgrundlage der Küstenbevölkerung
•
Entsalzung und Filterung des Wassers, so dass es für die
Landwirtschaft brauchbar wird
•
Schutz vor Bodenerosion und vor Sturmfluten (Tsunamis)
•
Klimaschutz, als CO2-Senke
•
Kinderstube
sehr vieler Meerestiere (laut Inge Altemeier verbringen 75% der
weltweit vermarkteten Fische einen Teil
ihres Lebens in den Mangroven)
•
Schlammfilter – bei Abholzung zerstört der
ausgeschwemmte Schlamm die Korallenriffe
Weltweit
ist heute mehr als die Hälfte des natürlichen
Mangrovengürtels der Küsten zerstört, der
größte Einzelverursacher ist die Shrimps-Aquakultur,
welche
die Brackwasserzonen für ihre Produktion nutzt. Die
Prozentzahlen
schwanken je nach Art der Studie (zw. 20 und 65), in einzelnen
Ländern liegt der Mangrovenverlust schon bei über
80%,
z.B. in Vietnam.
2. Warum Zuchtshrimps?
Da
die Fischbestände weltweit zurückgehen, sollte die so
genannte „Blaue Revolution“, die
Einführung von
Aquakulturen im großen Stil, die Bestände entlasten.
Als
eine Lösung für das Welthungerproblem werden die
Shrimpsfarmen noch heute von der FAO propagiert und finanziert (z. B.
durch die Weltbank, in Deutschland unterstützt auch die
Gesellschaft für technische Zusammenarbeit GTZ die Projekte).
3. Die Shrimpsfarmen
Folgen für die Umwelt:
•
Abholzung der Mangroven
•
Verseuchung von Böden und Gewässern
•
Zerstörung von Lebensraum für Fische und andere
Lebewesen
•
Versalzung von Brunnen und Böden
•
Verlust des Flutschutzes (bei Sturmfluten und Tsunamis)
•
Enormer Fischmehlverbrauch
•
Nach ca.
acht Jahren müssen die Becken aufgegeben werden, weil die
Chemikalien- und Bakterienkonzentration im Boden zu hoch wird
und Krankheiten ausbrechen, die nicht mehr unter Kontrolle gebracht
werden können. Dies führt zu einem unstillbaren
Hunger an
Flächen.
Folgen für die
Bevölkerung:
•
Anwohnern wird der Zugang zu Trinkwasser und Fanggründen
versperrt
•
Ihre Ressourcen werden vernichtet
•
Wasserstände sinken, dadurch kommt es zur Erschöpfung
von Quellen
•
Resistenzbildung gegen Antibiotika, bestimmte Krankheiten
können nicht mehr behandelt werden
•
Die Ernährungssituation verschlechtert sich rapide
•
Verarmung der Bevölkerung, Vertreibung und kulturelle
Entwurzelung
•
Die
wirtschaftliche Macht konzentriert sich durch die Privatisierung der
zuvor öffentlich nutzbaren Flächen in
wenigen Händen
•
Zunahme von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen, sozialer Unfrieden
in den Gebieten.
Die
Mangroven sind fast überall gesetzlich unter Schutz gestellt
– so ist es z.B. in Ecuador schon seit den 70er-Jahren
verboten,
Mangroven abzuholzen, 1991 wurde das Verbot erneut bestätigt.
Dennoch wird ständig weiter abgeholzt. Die Unternehmen
missachten
häufig die nationalen Gesetze, die meisten besitzen keine
Betriebsgenehmigung und/oder haben die dafür erforderlichen
Studien (Umweltverträglichkeitsstudie etc.) nie
durchgeführt.
Kaum eines der großen Unternehmen zahlt Steuern, der Beitrag
zum
Bruttosozialprodukt der Produktionsländer ist
äußerst
gering. Da sie sehr krisenanfällig sind (Tierseuchen,
Marktpreisschwankungen), bitten sie immer wieder um staatliche
Subventionierungsgelder. Die Gewinne gehen – wie die Produkte
– überwiegend ins Ausland, im Inland verdient
allerdings
eine kleine Elite recht gut dabei.
5. Schlagwort:
Arbeitsplätze
Die Shrimpsindustrie
wirbt mit
Arbeitsplätzen und Investitionen in die örtliche
Infrastruktur. Letzteres ist meist ein leeres Versprechen, zu den
Arbeitsplätzen muss man sagen, dass sie weit mehr vernichtet
als
neu schafft, denn:
•
„Ein
Hektar Mangrovenwald ernährt zehn Familien, eine Shrimpsfarm
von
ca. 200-500 ha jedoch nur ihren Besitzer, ca. sechs
feste und sechs Saisonarbeitskräfte“, sagt Marianeli
Torres
von der ecuadorianischen Umweltorganisation Fundecol
• Dazu
kommen Arbeitsplätze für bewaffnete Wachleute:
„Eine
Farm mittlerer Größe beschäftigt
15 Arbeiter, 50
Sicherheitskräfte, vertreibt 50.000 Menschen aus ihrem
angestammten Lebensraum und ruiniert den traditionellen
Fischfang“ (Vandana Shiva über Shrimpszucht in
Indien).
6. Die
Öko-Zertifizierung
Ökologische
Zucht ist extensive Zucht, es werden also auf gleicher Fläche
viel
weniger Tiere gehalten, um so Stress und Krankheiten zu reduzieren.
Eine Ökozucht, die auch nur annähernd die momentane
Nachfrage
nach Shrimps befriedigen könnte, müsste ein
Vielfaches der
Fläche verbrauchen, die bereits geopfert wurde – was
unmöglich ist. Kritikpunkte wären also z.B.:
•
Es werden
Flächen verbraucht, die für die Produktion von
Nahrungsmitteln für die Bevölkerung dringend
benötigt
werden (Landwirtschaft, aber in diesem Fall eben auch: intakte
Ökosysteme).
•
Es
verdienen zwar einige an den Farmen, die Bevölkerung bleibt
aber
außen vor. Auch an Entscheidungsprozessen wird sie nicht
beteiligt.
•
Das Produkt
wird exportiert, obwohl die örtliche Bevölkerung
dieses
Eiweiß viel nötiger braucht.
Auch
die Ökoproduktion geht also an den Bedürfnissen der
örtlichen Bevölkerung vorbei, sie fördert
dort keine
Entwicklung, verbessert auch kaum die Lage der Einheimischen, sondern
sie ist ein Luxus, den sich der reiche Norden leistet, um die
Gesundheit der Verbraucher zu schützen.
----------------------------------------------------------------------
Quellen:
Inge
Altemeier: “Das Meer trägt keine Früchte
mehr –
das gestohlene Protein” und eigene Interview- und
Vortragsnotizen von Marianeli Torres (fundecol, Ecuador), sowie einige
Anmerkungen aus der Studie „From Wetlands to
Wastelands“
von der Environmental Justice Foundation (EJF).
Zahlen, Zahlen,
Zahlen
Von
Natalie Berghahn
Jede(r) Deutsche verzehrt durchschnittlich 13,5
kg Fisch bzw. Fischereierzeugnisse pro Jahr.
Weltweit liegt der durchschnittliche
Konsum bei 16,5 kg pro Jahr.
Das deutsche Gesamtaufkommen von Fisch und
Fischereierzeugnissen lag 2004 bei 1,92 MillionenTonnen Fanggewicht,
davon stammen 290.000 t oder 15% aus der Binnenfischerei. Dagegen
wurden 85 %, 1,63 Millionen Tonnen importiert, im Wert von 2,1
Milliarden Euro.
Das Meiste war Seefisch (72,7%), gefolgt
von Süßwasserfisch (18,3%) und Krebs- und
Weichtieren (9%).
Quelle:
Fischinformationszentrum: „Fischwirtschaft Daten und Fakten
2005“
Für den Shrimpskonsum in
deutschen Küchen und
deutschen Straßenfesten scheint es leider keine aktuellen
Zahlen
zu geben: Im Jahr 2000 waren es 24.977 Tonnen, inklusive
Nordseegarnelen(„Krabben“,
„Granat“) und
Eismeergarnelen. 14.000 Tonnen wurden aus Drittländern
importiert,
wobei Thailand mit 4870 t, Indien mit 2314 t und Vietnam mit 1366 t,
die bedeutendsten Herkunftsländer waren. Der durchschnittliche
Einwohner Deutschlands verzehrt 0,54 kg Shrimps im Jahr, womit er
deutlich hinter Franzosen (1,16 kg) und Spaniern (2,26 kg) liegt.
Quelle:
Globefish (Fischinfo der FAO)2002
Fanggebiete der deutschen
Hochsee-und Küstenfischerei
Die deutsche
Fangflotte fischt in der Nordsee, Ostsee, westbritische
Gewässern,
den nördlichen Azoren, vor Island, der norwegischen
Küste,
Grönland und den Faröern. In
„sonstigen“ nicht
näher bezeichneten Fanggebieten landete die deutsche Flotte
2004
immerhin 7000 t an.
Quelle:
Fischinformationszentrum: „Fischwirtschaft Daten und Fakten
2005“
Wildfang und Aquakulturen
Laut Angaben der
Welternährungsorganisation FAO,
waren 2002 47%der weltweiten Fischbestände bis an die Grenze
befischt, 18% überfischt und 10% erschöpft. Seit den
90er
Jahren stagniert die weltweite Fangmenge bei ca. 90 Millionen t/Jahr,
wobei sich diese Zahl wohl auf legal angelandeten Fisch bezieht.
Dagegen haben Aquakulturen seit 1976 eine jährliche
Zuwachsrate
von 9% jährlich. Die Aquakultur gilt als der am schnellsten
wachsende Sektor im Lebensmittelbereich, die Farmen befinden sich zu
91% in Entwicklungsländern. Im Jahr 2000 stammten 36,8% aller
weltweit konsumierten Fische aus Aquakulturen, für 2020
prognostiziert die FAO einen Anstieg auf 41%.
2003 wurden 54,8 Millionen Tonnen Pflanzen
und Tiere im
Wert von 67,3 Milliarden US-Dollar produziert, davon rund zwei Drittel
in der VR China (aus diesem Grunde raten manche Autoren zur Vorsicht
mit diesen Zahlen der FAO, da vermutet wird, dass die offiziellen
chinesische Angaben manipuliert sein könnten).
Ein großer Teil, der in
Aquakultur produzierten
Produkte, sind Algen und vegetarisch lebende
Süßwasserfische, besonders aus der Familie der
Karpfenartigen, die hauptsächlich der Versorgung einheimischer
Märkte dienen. Einen hohen Marktwert haben fleischfressende
Salzwasserbewohner, deren Produktion die größten
ökologischen und sozialen Probleme bereitet: Shrimps, Lachs
und
seit neustem auch Thunfisch. Shrimps machten 2003 mit 1,8 Mio. t
geernteten Tieren mengenmäßig zwar nur 4,3% der
gezüchteten Organismen aus, sorgten aber für 15,2 %
des
Gewinns, was dem Wert von knapp einem Fünftel der weltweiten
Fischexporte entspricht.
Quellen:
Web Sites der FAO: www.fao.org und www.globefish.org
Wo der
Tiefkühlshrimp geboren wird
Von 1,5 Millionen
Tonnen 1976 stieg die Menge gehandelter Shrimps auf 5 Millionen Tonnen
im Jahr 2003, davon stammen 25% aus Aquakulturen, Tendenz steigend.
Quelle:
www. globefish.org
Hauptproduzenten von
tropischen Zuchtshrimps waren 2004 folgende Länder: China
(935.944
t), Thailand (390.000 t), Vietnam (275.569 t), Indonesien (238.567 t),
Indien (133.020 t), Mexiko(89.037 t), Brasilien (75.904 t), Bangladesh
(58.044t), Ecuador (56.300t) und die Philippinen (37.947 t).
Generell schwankt die Shrimpsproduktion
von Jahr zu
Jahr stark, da wegen Virusinfektionen ständig neue Gebiete
erschlossen werden.
Aktuell strebt die Shrimpsindustrie Richtung Afrika, z.B. nach
Madagaskar (6243 t) oder Senegal (4508 t).
Quelle: FIGIS, Datenservice der FAO, 2006
Zahlen, die zu denken geben:
weltweit wurden 50%
der ursprünglichen Mangrovenwälder vernichtet, die
Shrimpsindustrie wird für 38% des Verlustes verantwortlich
gemacht
(Quelle: www.redmanglar.org, lateinamerikanischen Bündnis zum
Schutz der Mangroven) ein
Hektar intakter
Mangrovenwald ernährt zehn Familien, eine Shrimpsfarm von
über 100 Hektar Größe schafft fünf
bis sechs
schlecht bezahlte Arbeitsplätze (redmanglar) eine
thailändische Studie beziffert den ökonomischen Wert
eines
intakten Mangrovenwaldes auf 1000- 36.000 US-Dollar pro Hektar
während der volkswirtschaftliche Wert von Shrimpsfarmen
bloß
200 US-Dollar pro Hektar betrage. (zitiert aus Ecological Justice
Foundation: „Farming the Sea- unregulated Shrimp farming, the
environment and people”) ein
Zuchtshrimp braucht das drei- bis vierfache seines
Körpergewichts an Fischmehl, bis er ausgewachsen ist in mindestens elf Ländern gab es Tote bei
Konflikten um Shrimpsfarmen (Ecological Justice Foundation).
Die Blaue
Revolution frisst ihre Kinder
Von Natalie Berghahn
In
den 1980er Jahren lancierten Weltbank und die
Welternährungsorganisation (FAO) die sogenannte
„Blaue
Revolution“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde
die
dramatische Überfischung der Weltmeere offenbar. Wie von ihrer
ältere Schwester, der „Grünen
Revolution“, die in
den 1960er Jahren die bäuerliche Landwirtschaft durch
Kunstdünger, Pestizide und Rationalisierung der
Arbeitsabläufe optimieren sollte, erhoffte sich die FAO mit
dieser
„Revolution“, den Welthunger zu besiegen. Besonders
die
Eiweißversorgung der Bevölkerung, sollte durch
intensive
Aquakultur verbessert werden.
Ob deutscher
Karpfenteich oder kleinbäuerliche Shrimpszucht auf einem
indischen
Reisfeld, seit Jahrhunderten verbessern Menschen ihre Proteinversorgung
durch Aquakulturen. Man geht davon aus, dass spätestens 2020
die
Hälfte der konsumierten Wasserorganismen aus Aquakulturen
stammen
wird. Also wurden an den Küsten des Nordens Lachsfarmen
errichtet.
An den tropischen Küsten holzte man die
Mangrovenwälder
für Shrimpszuchtbecken ab, die nichts mehr mit der
traditionellen
„Hinterhof-Aquakultur“ Ostasiens gemein hatten:
Statt ca. 25.000
Junggarnelen werden in der intensiven Zucht über 200.000 Tiere
pro
Hektar eingebracht. Der Einsatz von Kraftfutter, Pestiziden und
Antibiotika wurde notwendig1. Bei einem so dichten Besatz muss auch das
Wasser in den Becken permanent durch Pumpen ausgetauscht werden. In
vielen Gegenden sinkt dadurch der Süßwasserspiegel
ab,
Brunnen und Äcker versalzen2. Garnelen und andere bei uns
begehrte
Zuchtspeisefische vertilgen selbst riesige Eiweißmengen. Um
ein
Kilo Garnelen zu produziere, werden drei bis vier Kilo Fischmehl oder
gleichwertiges pflanzliches Eiweiß benötigt.
„Die
Zucht von Meeresfischen ist ein Proteinnettoverlust", sagt selbst Robin
Welcome von der FAO.3
Über
90% der industriell gezüchteten Shrimps werden gegen Devisen
in
die reichen Industrienationen exportiert4, deren Konsumenten durch
intensive Werbung Appetit auf das einstige Luxusprodukt gemacht wurde.
Oft knüpfen internationale Förderer die Geldvergabe
für
Aquakulturen an die Bedingung, dass nur hochwertige Arten wie Shrimps
gezüchtet werden, obwohl anspruchslosere Fische oft geeigneter
wären5. Den Menschen, die einst von der „Blauen
Revolution“ profitieren sollten, wurde hingegen die
Lebensgrundlage entzogen. Früher garantierte ihnen Fischfang
und
die Nutzung der öffentlich zugänglichen
Mangrovenwälder
einen bescheiden Lebensunterhalt. Heute besteht die Küste aus
privaten Industriebetrieben, zu denen sie keinen Zutritt haben und an
deren Gewinnen sie nicht beteiligt werden. Ein Fischer auf den
Philippinen kommentierte:
„Die Garnelen
leben besser als wir. Sie haben Elektrizität, wir nicht. Sie
haben
sauberes Wasser, wir nicht. Sie haben Mengen von Nahrung, wir
hungern.“ 6
1 "Shrimps", vom Luxusartikel
zum Massenprodukt, Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen 2002
2 Gertrud Falk "Verheerende
Delikatessen", Herne 2000
3 Die blaue Revolution" Greenpeace
Magazin 2/1997
4 Shrimps", vom Luxusartikel zum
Massenprodukt, Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen 2002
5 "Die blaue Revolution" Greenpeace
Magazin 2/1997
6 zitiert nach ISA-net (International
Shrimps Action Network) 2000
Mit IWF und Weltbank blauäugig in
die Schuldenfalle
Das Beispiel Ecuador
Von Dr. Jürgen Stahn
Aufzucht
und Export von Garnelen gehören, neben zahlreichen anderen
neuen
Produktionssektoren, wie Schnittblumen, Eukalyptus und Teakholz, zum
Instrumentarium des Internationalen Währungsfonds, der
Weltbank
und der Interamerikanischen Entwicklungsbank. Dessen Anwendung werden
mit Nachdruck zahlreichen Regierungen Afrikas, Asiens und
Lateinamerikas empfohlen, um traditionelle Exporte zu ergänzen
oder zu ersetzen, Devisen zu erbringen und damit die Verschuldung
abzubauen. In den Teilen der Welt, in denen natürliche
Reichtümer wie Wasser, Luft, fruchtbare Böden und
Wälder
scheinbar unbegrenzt zur Verfügung stehen, sollen unter
Ausnutzung
dieser Reichtümer und der vorhandenen billigen
Arbeitskräfte
Konsumgüter hergestellt werden, die in den nördlichen
Industrieländern begehrt sind und den Massenkonsum
befriedigen.
Shrimps gibt es bei Nahrungsmittel-Discountern das ganze Jahr
über
tiefgefroren und immer billiger.
Die
internationalen
Finanzinstitutionen fördern bewusst ökonomische
Sektoren die
auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruhen. Ihre
Entwicklungsstrategien sind zwangsläufig kurz- oder
bestenfalls
mittelfristig angelegt. Zucht und Export von Garnelen sind ein
drastisches Beispiel hierfür. Die meisten Regierungen wenden
die
vorgegebenen Strategien kritik- und vorbehaltlos an. Sie unterwerfen
sich nicht nur den internationalen Finanzinstitutionen, sie bedienen
gleichzeitig die nationalen Eliten und transnationale Unternehmen, die
auf Grund der günstigen Produktionsbedingungen satte Gewinne
mitnehmen. Die Garnelenindustrie Ecuadors wird von der
Corporación Andina de Fomento/CAF (Andinische
Entwicklungsgesellschaft), von der Interamerikanischen Entwicklungsbank
BID und von der Weltbank in enger Zusammenarbeit mit der Regierung
massiv gefördert. Die Unternehmen erhalten billige Kredite,
Subventionen und bei Bedarf auch Schuldenerlass, alles, um die
Produktion zu steigern. Damit werden ökonomisches Wachstum
erzeugt, Devisen erwirtschaftet und eine umfangreiche nationale und
internationale Klientel bedient.
Doch der
Reichtum
wird exportiert, Bevölkerung und Staat verarmen. Nicht von
ungefähr musste Ecuador in den vergangenen Jahren immer neue
Schulden aufnehmen. Diese fatale Spirale führte zu
schärferen
Auflagen des IWF. Das Land wurde „zum Export
verdammt“, um
Zinsen und Tilgungsraten bezahlen zu können. Gleichzeitig
genehmigte sich die Oligarchie des Landes zahlreiche fiskalische
Vorteile „zur Förderung des produktiven
Sektors“.
Die
Plünderung
der öffentlichen Haushalte hatte einschneidende
Kürzungen bei
sozialen Investitionen und Leistungen zur Folge und damit eine
fortschreitende Verarmung der Bevölkerung. Über
Privatisierungsmaßnahmen wird öffentliches Eigentum,
einst
aus Steuermitteln erworben, verkauft. Die erzielten Erlöse
dienen
zur kurzfristigen Behebung von Engpässen, die sich aber auf
Grund
weiter bestehender Steuer- und Zollprivilegien schnell wieder
einstellen. Die staatsbürgerlichen, sozialen, kulturellen und
wirtschaftlichen Menschenrechte werden skrupellos dem schnellen
Wachstum geopfert. Soziale Gerechtigkeit und ökologische
Nachhaltigkeit werden bedeutungslos angesichts der Auflagen von IWF,
WB, BID und der bereitwilligen Mitarbeit von Regierung und nationalen
Eliten.
Das
Jahr 1998 war ein Rekordjahr für die Garnelenindustrie in
Ecuador.
155.000 to Shrimps wurden produziert und exportiert, der Gewinn belief
sich auf 875 Mio US$. Etwa 80% der Exporte werden durch zwölf
Firmen geleistet. Die Exporte ecuadorianischer Garnelen in die
Europäische Union machen inzwischen etwa 70% der gesamten
Ausfuhren aus und werden durch Zollpräferenzen
gefördert. In
die USA werden etwa 26%, nach Asien 1,5% exportiert. Die Gewinne
verbleiben bei den nationalen Oligarchien oder den
ausländischen
Investoren. Das Freihandelsabkommen mit den USA und andere Abmachungen,
Verträge und Auflagen erhöhen den Druck auf die
Regierung und
damit auch auf die Industrie, ihre Konkurrenzfähigkeit
ständig zu verbessern und damit Menschen und Natur noch
rücksichtloser auszubeuten. Ohne Einschränkung
lässt
sich feststellen, dass die Garnelenindustrie Bestandteil dieses
ökonomischen Modells ist, das auf Ausschluss und
Zerstörung
beruht:
Ausschluss
vieler
Menschen von ihrer traditionellen Lebensgrundlage, Zerstörung
sozialer Strukturen und natürlicher Reichtümer. Das
Leben in
weiten Küstenbereichen zahlreicher Länder wird
empfindlich
gestört. In einer Studie der
Welternährungsorganisation FAO
wird nachgewiesen, dass es heute weltweit noch etwa 15 Millionen Hektar
Mangrovenwälder gibt. In den letzten 25 Jahren wurden bereits
20%
des ursprünglichen Bestandes vernichtet. In Ecuador wurden
Greenpeace-Untersuchungen zufolge bereits 57% zerstört.
Gesetze
schützen die Wälder. Der Erfindungsreichtum von
Garnelenzüchtern und Behörden kennt jedoch keine
Grenzen,
wenn gesetzliche Auflagen und Kontrollen umgangen werden sollen. Die
industrielle Garnelenproduktion und ihr Export von Shrimps beraubt die
arme Bevölkerung proteinhaltiger Nahrungsmittel und allgemein
ihrer Lebensgrundlagen.
Die
„blaue
Revolution“ sollte über Aquakulturen, wie Jahrzehnte
zuvor
die „grüne Revolution“ über eine
„modernisierte“ Landwirtschaft, zahlreiche Probleme
in
Ländern des Südens auf ein Mal lösen. Die
UNO selbst gab
in ihren Milleniumszielen die Halbierung der hungernden
Erdbevölkerung bis zum Jahr 2015 aus, die mit ihrer Initiative
ins
Leben gerufenen Finanzinstitutionen wie IWF und WB fördern
Strategien, die ihrerseits Hunger, Unterernährung und
schlechte
Ernährung zur Folge haben. Die Entwicklungsorganisation der
UNO,
PNUD und die Autoren des „human development
index“(hdi),
räumen ein, dass diese Art der Investitionen keinen Beitrag
zur
Überwindung der Armut geleistet haben.
Die
langfristigen
sozialen, ökologischen und auch ökonomischen Folgen
sind
längst sichtbar. Die „Hunde bellen“, die
Betroffenen
protestieren, die Karawane der Profiteure zieht weiter.
1
„Certificando
la destrucción“ C-Condem, Ecuador 2005,
Übersetzung N. Berghahn
2 "Ecuador: Mangroven sind Leben"
LÌder GÛngora Farias 1999 in Food First 4/99
3 dito
4 Vortag von Marianeli Torres, Bremen 2001
5 Heiko Thiele und Dorit Siemers, "Der
Garnelenring" (Film), Münster 2005
6 Dr. Cristian Tovilla, 2003, im
persönlichen Gespräch
Shrimps machen Hunger
Von Martina Möller
Das
Menschenrecht auf Nahrung wurde in der Allgemeinen Erklärung
über die Menschenrechte von 1948 verankert. Gemeint ist das
Recht
jedes Menschen auf die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen,
also
auf Zugang zu produktiven Ressourcen. Im Süden der Welt lebt
ein
Großteil der Menschen direkt von den natürlichen
Ressourcen
der traditionellen Lebensräume. Dazu gehört neben dem
Ackerbau auch, was die natürlichen Systeme produzieren. Ein
Beispiel ist der Mangrovenwald der tropischen Küsten, der seit
vielen Generationen die Existenzgrundlage seiner Bewohner bildet.
Fischfang, Jagd, Sammeln von Holz, Honig, Heilkräutern oder
Muscheln und ihr lokaler Handel, sorgten bisher für ein sehr
bescheidenes, aber relativ sicheres Einkommen. Heute ist diese
Lebensgrundlage vielerorts durch industrielle Großprojekte
gefährdet und die hier beschriebene Entwicklung ist nur ein
Beispiel unter vielen.
Die
Fangflotten der Industrienationen und immer zahlreichere illegale
Fischereiflotten haben die Weltmeere leer gefischt. Das Nachsehen haben
die örtlichen Kleinfischer. Der Verlust an hochwertiger,
eiweißreicher Nahrung ist vor allem für die
Küstenbevölkerung in den ärmeren
Ländern des
Südens ein ernstes Problem. Diese Menschen können es
sich
nicht leisten, einfach Fleisch zu kaufen, sondern sind auf die
tradierte Form der Subsistenzwirschaft angewiesen.
Shrimps-Aquakulturen, entlang der tropischen Küsten, sollten
ursprünglich helfen, den Proteinbedarf einer wachsenden
Bevölkerung zu decken: „Eine Lösung
für das
Welthungerproblem“ äußerte die FAO
begeistert
über die international geförderte Initiative. Etwa 30
Jahre
nach dem Aufbau der Shrimpsindustrie ist die Bilanz jedoch
niederschmetternd.
Privatunternehmer,
die überwiegend nicht aus den betroffenen Gebieten stammen,
ließen den ursprünglichen Mangrovenwald abholzen,
und
errichteten Riesenfarmen, die sich durch kilometerlange Zäune
und
Dämme gegen die Anwohner schützen. Der
Bevölkerung wird
dadurch der Zugang zu Fanggründen und Wasserquellen genommen.
Traditionell öffentlich nutzbares Land wird in Privatbesitz
umgewandelt. „Eine Farm mittlerer Größe
beschäftigt 15 Arbeiter, 50 Sicherheitskräfte,
vertreibt
50.000 Menschen aus ihrem angestammten Lebensraum und ruiniert den
traditionellen Fischfang“ zieht Vandana Shiva für
die
indischen Küsten Bilanz. Anstelle der traditionellen
Dorfgemeinschaften profitiert nur noch eine kleine Handvoll Menschen.
Da
die Shrimpsfarmen Gewässer und Böden mit Chemikalien
kontaminieren, ist das Land selbst nach dem Abzug einer Farm
für
lange Zeit unbrauchbar. So gehen immer mehr Flächen, die
für
den Anbau von Nahrungsmitteln für die Bevölkerung
unverzichtbar sind, verloren. Gesundheit und
Ernährungssituation
der Bevölkerung haben sich in den betroffenen Gebieten seither
drastisch verschlechtert. Produziert wird dort ein Nahrungsmittel,
für das pro Kilo 3-4 Kilo Fisch verfüttert werden.
Ein
weiterer Verlust an Protein. „Wir füttern die
Überfütterten.“ klagt Tom Kocherry, Pfarrer
einer
indischen Fischergemeinde. Denn auch die so gezüchteten
Delikatessen landen nicht auf den Tellern derer, die sie so dringend
benötigen. Sie werden dorthin exportiert, wo die Menschen am
meisten für sie bezahlen: In die reichen Industrienationen des
Nordens. Die traditionelle Lebensweise der Bevölkerung in den
Ländern des Südens, die Gesetzeslage,
Ausmaß der
Zerstörungen durch die Shrimpsindustrie, all dies variiert von
Land zu Land. Aber es gibt eine Konstante: In allen Gebieten, in denen
tropische Zuchtshrimps in großflächigen Farmen
produziert
werden, haben Armut, Krankheiten, Korruption und Gewalt zugenommen. Die
Ernährung hat sich drastisch verschlechtert, wertvolle
Ökosysteme und nachwachsende Ressourcen wurden vernichtet und
den
Menschen ihr verbrieftes Recht, sich zu ernähren, verwehrt.
„Those who
are eating shrimps
in the world, they are eating the blood, sweat and livelihood of the
poor people in the Third World.“ Banka Behary, Fischer aus
Bangladesh
1 www.ejfoundation.org Human Rights
Abuses -Brazil
2 www.ejfoundation.org:“Farming
the Sea- unregulated shrimps farming, the environmemt and people.
3 Isabel de la Torre. „Prawn to
Trade, Prawn to Consume“ zitiert in Food First 4/99, FIAN 1999
4 Wolfgang Sachs: "÷kologie
und
Menschenrechte. Welche Globalisierung ist zukunftsf‰hig?"
Wuppertal Papers 2003
Hunger
durch Arbeitsplätze
Von Natalie Berghahn
„Bislang
verdient man mit Muschelnsammeln in weniger Stunden mehr, als wenn man
für die Shrimpsfarmen arbeitet. Wenn man als Wachmann
arbeitet,
arbeitet man den ganzen Tag, 24 Stunden, sie zahlen nicht den
Mindestlohn, keine Versicherungen oder andere Sozialleistungen.
Manchmal stellen sie einen kurzfristig zum Mangrovenfällen
ein.
Weil das illegal ist, wird das nachts gemacht, zwischen 18 Uhr und
Mitternacht. Am nächsten Tag weiß niemand was. In
den
Verpackungsfabriken arbeitet man während der dreimonatigen
Saison
vier bis sieben Tage die Woche. Man arbeitet in Räumen, in
denen
Gefriertemperaturen herrschen, im Stehen köpft man Garnelen
von 7
Uhr morgens bis 12 Uhr nachts. Wenn nicht genug Personal da ist, auch
bis 2 Uhr morgens .Zwischendurch isst man schnell ein paar Garnelen mit
Kochbananen, ebenfalls im Stehen...“Aussage eines Bewohners
der
Fischerdorfs Tambillo; Provinz Esmeraldas, Ecuador1
Die
meisten
shrimpsexportierenden Länder sind hochverschuldet. Hunger und
Arbeitslosigkeit sind in ihren Gesellschaften
überwältigende
Probleme. Das macht eine exportorientierte Industrie, die
Arbeitsplätze und Devisen verspricht, interessant. Doch die
Shrimpszucht schafft kaum Arbeitsplätze. Eine Shrimpsfarm von
200
bis 500 Hektar Größe schafft ca. fünf
ganzjährige
und (zur Ernte) fünf saisonale Arbeitsplätze2.
Dagegen kann
ein Hektar intakten Mangrovenwaldes zehn Familien Einkommen geben3. Sie
fischen und sammeln Muscheln, Schalentiere, Holz, Honig und
Heilkräuter. Das ernährt die Menschen, ziert jedoch
keine
Exportbilanz, und zählt somit nicht bei der Bewertung des
Landes,
zum Beispiel durch den Internationalen Währungsfond.
Arbeitsplätze
in nennenswerter Zahl schafft nur die Verpackungsindustrie. Die
Arbeitsbedingungen sind oft erbärmlich. Auch hier werden fast
nur
Saisonkräfte ohne Festverträge eingestellt, in
Ecuador liegt
der Stundenlohn einer Arbeiterin, die 18 bis 20 Stunden am Tag in einer
gekühlten Halle stehen muss und zum Schutz der Ware mit
Chemikalien besprüht wird, bei 25 US Cent.4 Ehemalige
Angestellte
einer großen Anlage in Honduras berichten von fehlenden
Arbeiterrechten, sexueller Belästigung und unberechtigten
Kündigungen.5
Und
selbst diese
prekären Arbeitsplätze stehen den Menschen nur
solange zur
Verfügung, wie die Shrimpsfarmen bestehen. Meist ist der Boden
nach wenigen Jahren Aquakultur so verseucht, dass die Züchter
nach
neuen Flächen suchen. Den Bewohnern bleibt dann oft nur, die
verwüstete Gegend zu verlassen und in den
Armutsgürtel der
Großstädte zu ziehen.
Eine
echte
Armutsbekämpfung wäre eine nachhaltige Nutzung der
Mangroven.
Ideen und Projekte gibt es bei den Bewohnern viele: Von der
Muschelzucht (für die kein Mangrovenwald abgeholzt werden
muss)
bis zum sanften Tourismus. Manches klingt für
europäische
Ohren überraschend: In Chiapas/Mexiko züchten
Dorfgemeinschaften Leguane in einer Art Wildgehege: Als leckere Braten!
Proteinspender, die der globale Supermarkt verschmäht.6
1
„Certificando la destrucción“ C-Condem,
Ecuador 2005, Übersetzung N. Berghahn
2 "Ecuador: Mangroven sind Leben"
LÌder GÛngora Farias 1999 in Food First 4/99
3 dito
4 Vortag von Marianeli Torres, Bremen 2001
5 Heiko Thiele und Dorit Siemers, "Der
Garnelenring" (Film), Münster 2005
6 Dr. Cristian Tovilla, 2003, im
persönlichen Gespröch
Menschenrechte –
im Zuchtbecken versenkt!
Von
Natalie Berghahn
Im
September 2004
wurden in Brasilien in der Nähe von Aracau, an der
Atlantikküste sechs Kleinfischer, unter ihnen auch Kinder,
niedergeschossen und verletzt. Die Angreifer waren dem Vernehmen nach
von der Shrimpsfarm „Joli Aquicultura“ in Curral
Velho
angeheuert worden. Vorangegangen waren Auseinandersetzungen, in denen
Anwohner Farmbeschäftigten vorwarfen, die Grenzen der Farm
illegal
in einen Mangrovenwald auszuweiten, in dem Gemeindemitglieder fischen
und ihre Boote liegen haben. Obwohl es angeblich eine Einigung mit den
Farmbetreibern gab, wurden noch am selben Tag zwei weitere Fischer
erschossen. Kurz danach wurden drei maskierte Polizisten
außer
Dienst festgenommen, auf dem Gelände der Farm wurde ein
Waffenlager entdeckt.1 Kein Einzelfall: Aus mindestens elf
Ländern
berichtet die britische Environmental Justice Foundation von Morden im
Zusammenhang mit Shrimpsaquakulturen2.
Die
Farmen liegen
fast immer in Gebieten mit hoher Armut. Sie verbessern die
ökonomische Lage der Bevölkerung jedoch nicht,
sondern
führen zu sozialen Konflikten. Fast die Hälfte des
Personals
einer Shrimpsfarm sind deshalb Wachmänner, die verhindern
sollen,
dass die kostbaren Tiere oder Anlageteile aus den Becken gestohlen
werden. Gleichzeitig unterbinden sie damit aber oft den Durchgang der
Anwohner zur Küste, was immer wieder zu Auseinandersetzungen
mit
dem Sicherheitspersonal führt. Häufig bleibt es bei
Drohungen
und Einschüchterungen, aber immer wieder gibt es Tote und
Verletzte. Viele dieser Straftaten kommen nie vor Gericht oder werden
dort wie Privatstreitigkeiten behandelt. Die Korruption in vielen
Shrimpserzeugerländern, die extreme Armut und mangelnde
Bildung
vieler Betroffenen leisten dem Vorschub.
Inzwischen wehren
sich viele Gemeinden, wenn in ihrem Gebiet neue Farmen angelegt werden
sollen, nicht immer gehen dieses Auseinandersetzungen gewaltfrei ab.
Besonders dramatisch war 1997 der Fall um eine Landnahme für
Shrimpsfarmen in Bangladesh, bei dem über hundert Menschen ihr
Leben verloren.3
Neben
den
individuellen Menschenrechten auf Leben, Würde,
körperliche
Unversehrtheit, Meinungs- und Versammlungsfreiheit usw. existieren seit
1976 die sozialen Menschenrechte. Fast alle Staaten der Erde haben den
„Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale
und
kulturelle Rechte“ unterzeichnet, in dem auch das Recht sich
zu
ernähren garantiert wird. Dafür brauchen Menschen
eine
bezahlte Arbeit oder den Zugang zu primären Ressourcen wie
Land
oder Fischgründen. Sowohl Shrimpsfarmen als auch die
Industriefischerei zerstören und privatisieren de facto einst
jedem Bürger zugängliche Lebensräume wie
Mangrovenwälder und Fischgründe, ohne ihnen
irgendeine
Alternative zur Verfügung zu stellen. Hunger, mangelnde
Bildung
und schlechte Gesundheitsvorsorge sind die Folge.
Vor
dem Hintergrund
der Menschenrechte ein illegaler Zustand, der von der
Weltöffentlichkeit nicht hingenommen werden sollte, denn:
„Weder
staatliche Machtspiele noch wirtschaftlicher Wettkampf, sondern die
Verwirklichung der Menschenrechte sollte – neben der
Achtsamkeit
gegenüber der Biosphäre – der aufziehende
Weltgesellschaft ihr Gesicht geben.“ Wolfgang Sachs4
1
www.ejfoundation.org Human Rights Abuses -Brazil
2 www.ejfoundation.org:"Farming the Sea-
unregulated shrimps farming, the environmemt and people.
3 Isabel de la Torre. „Prawn to
Trade, Prawn to
Consume“ zitiert in Food First 4/99, FIAN 1999
4 Wolfgang Sachs:
"Ökologie und
Menschenrechte. Welche Globalisierung ist zukunftsfühig?"
Wuppertal Papers 2003
Die Situation von Frauen
Das Beispiel Ecuador
Von Dr. Jürgen Stahn
In
zahlreichen
Ländern, Afrikas, Asiens und Lateinamerikas haben neue
Industriezweige, die sich vor allem auf die Ausbeutung
natürlicher
Reichtümer des Landes stützen, das
ursprüngliche Leben
dörflicher Gemeinschaften einschneidend verändert.
Die
Produktion von Nahrungsmitteln, Schnittblumen und Textilien
gehören ebenso dazu, wie gigantische Staudammbauten und
Massentourismus. So auch in Ecuador, wo in den letzten Jahrzehnten eine
Garnelenindustrie entstand, um die wachsende Nachfrage nach dieser
„Delikatesse“ in den Industrieländern
befriedigen zu
können.
Schon
als die
ursprüngliche Flora und Fauna und die herkömmlichen
Sozialstrukturen noch bestanden, lastete die schwerste Arbeit auf den
Frauen. Sie holten Wasser, sammelten Muscheln, Holz, Schalen- und
andere Meerestiere, am Strand und in den Mangrovenwäldern.
Damit
deckten sie hauptsächlich den Eigenbedarf der Familien.
Überschüsse gingen zum Verkauf auf die lokalen
Märkten.
So leisteten sie einen erheblichen Beitrag zur regionalen Wirtschaft.
Nach
dem Eindringen
der Garnelenindustrie brachen mit den ökologischen Systemen
auch
die sozialen und mikro-ökonomischen zusammen. Die Frauen und
mit
ihnen die Familien, verloren in rascher Folge ihre früheren
Lebensgrundlagen. Das Sammeln wurden erschwert oder unmöglich
gemacht, da die neuen Garnelenfarmen alte Zugänge und Wege zu
den
lebenswichtigen natürlichen Ressourcen versperrten oder sie
gänzlich zerstört haben. In der Folge wurden die
Frauen aus
ihren bisherigen Lebenszusammenhängen herausgelöst
und vor
ganz neue Herausforderungen gestellt.
Regionalen
Untersuchungen zu Folge verließen zahlreiche Familien ihre
Heimat
und versuchten sich in anderen Ländern, vor allem in den USA,
eine
neue Existenzgrundlage zu schaffen. Laut Schätzungen leben
gegenwärtig etwa zweieinhalb Millionen EcuadorianerInnen im
Ausland, davon fast die Hälfte Frauen. Die meisten von ihnen
verrichten wenig qualifizierte und schlecht bezahlte Arbeiten.
Die,
die blieben,
sind als Arbeiterinnen in den Verpackungsfirmen angestellt. Die
Garnelenindustrie bietet nur temporäre Arbeitsplätze
mit
prekären Arbeitsbedingungen. Arbeit haben sie nur
während der
„Garnelenernte“, wenn die Schalentiere aus den
großen
Becken geholt, verarbeitet und verpackt werden. Die Arbeitszeit
beträgt dann 14 Stunden und mehr. Die Frauen stehen die ganze
Zeit
am Fliessband und entfernen die Köpfe der Garnelen. Die Arbeit
ist
ungesund und eintönig. Die Arbeiterinnen sind zudem dauernd in
Kontakt mit chemischen Produkten, die im Produktionsprozess eingesetzt
werden. Ein von „Redmanglar“, einer Organisation
zum Schutz
der Mangrovenwälder und ihrer Gemeinschaften, befragter
Bewohner
der Region, bemerkt dazu: “Auch wenn wir heute weniger
Muscheln
finden, so ziehen wir doch das Sammeln der Arbeit in der
Garnelenindustrie vor. Wir müssen dann nicht den ganzen Tag
und
mit festen Zeiten arbeiten. Wenn man eine Anstellung als
Wächter
hat, muss man den ganzen Tag von früh morgens bis in die Nacht
arbeiten. Dann erhält man einen Monatslohn von 100 US$, wenn
man
Glück hat oder auch ein bisschen mehr. Man muss auch vor Ort
wohnen“.
Kurzfristiger
Bedarf
an Arbeitskräften wird gedeckt durch ArbeiterInnen, die
für
die Garnelenindustrie in Städten angeworben wurden.
Die
globalisierungskritische Soziologin Christa Wichterich fasst die
Merkmale für die besondere Situation der Frauen in einer
Studie
des Wuppertaler Institutes aus dem Jahr 2004
(„Überlebenssicherung, Gender und Globalisierung)
zusammen:
“Feministische Globalisierungskritik wird hier entlang zweier
Achsen entfaltet, nämlich Frauenarbeit und Sicherung von
Überlebensgrundlagen (livelihood). Beide geraten durch
Liberalisierungspolitiken, Privatisierung und die fortschreitende
Kommerzialisierung aller Ressourcen und Lebensbereiche zunehmend unter
Druck. Arme Frauen und andere Ressourcen-, Einkommens- und Machtarme
verlieren ihre Nutzungsrechte an den Überlebensressourcen
Land,
Wasser, Biodiversität und Saatgut und ihre Zugangsrechte zu
sozialer Grundversorgung.“ Frauenarbeit im Bereich von
Versorgung, Reproduktion und Subsistenz werde allgemein, insbesondere
aber im Kontext der Armut, als nicht wertschöpfend abgewertet.
Der
ständige Kampf um Produktivitätssteigerungen und
Standortvorteile in der globalisierten Wirtschaft werde zu einem
erheblichen Teil auf dem Rücken von Frauen ausgetragen.
Genau
das gilt
für die Frauen, die heute weltweit in den Verpackungsbetrieben
der
Garnelenindustrie arbeiten. Die Frauen haben die
größten
Nachteile von dem drastischen Wechsel der sozialen und
ökonomischen Strukturen stellt eine ecuadorianische Studie zur
nachhaltigen menschlichen Entwicklung fest. Sie müssen mit den
Bedingungen der ausschließlich wachstums- und
exportorientierten
Garnelenindustrie zurechtkommen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen
müssen sie zu den Verlierern dieses
„Entwicklungsmodells“ gezählt werden.
Mangroven – Kinderstuben der
tropischen Meere
Die
Mangroven zählen neben den tropischen Regenwäldern
und Korallenriffen zu den produktivsten
Ökosystemen
der Welt und bieten unzähligen Tieren einen einzigartigen
Lebensraum.
Von Heike Zidowitz

Im Wechselspiel von
Ebbe und Flut,
Meerwasser und Süßwasser hat sich in Jahrmillionen
ein
komplexes Gefüge an den tropisch-subtropischen Küsten
der
Weltmeere gebildet. Mangroven sind eine produktive Artengemeinschaft
von hoch spezialisierten Lebewesen an der Grenze zwischen Meer und Land
– ein Dschungel mit den Füßen im Wasser.
Mangroven sind der
Lebensbereich von
Algen, Schnecken, Muscheln, Fischen, Vögeln, Krebsen, Insekten
und
anderen Kleinlebewesen, die im Gezeitenwald Schutz vor
Räubern,
Nahrung und einen geeigneten Ort zur Fortpflanzung finden. Als
natürliche Befestigung der Küste fangen sie
Schwebstoffe und
wirken als Erosions- und Flutschutz für das dahinter liegende
Land.
Eine
besondere Rolle fällt den Mangroven jedoch durch die Funktion
der
Kinderstube vieler Meerestiere zu. Für 75% der tropischen
Meereslebewesen sind Mangroven die Kinderstuben, der Ort ihrer
Fortpflanzung. D.h. hier werden die Jungtiere im Schutze des
Magrovenwurzelgeflechts in den flachen Gewässern geboren und
wachsen dort auf, bevor sie häufig als Ausgewachsene die nahen
Küstengebiete verlassen. Schätzungen zufolge wachsen
rund
zwei Drittel aller im Meer lebenden Fischarten im Schutz der Mangroven
auf, die Kinderstube für Schnapper, Kardinalfische,
Seepferdchen,
Feilenfische, Wächtergrundeln, Schleimfische, Heringe und die
Jungtiere der Haie, Barrakudas und viele mehr ist. In den
nährstoffreichen und artenreichen Flachwasserzonen finden sie
eine
reichhaltige Nahrungsgrundlage für ihre Jugendzeit vor.
Räuber wie z.B. Haie, die auch hier selbst noch zur Beute
werden
können, können sich gut vor
größeren Artgenossen
verstecken und tragen durch ihre Anwesenheit zur Gesundheit der
Lebensgemeinschaft bei. Kranke und verletzte Tiere werden entfernt,
dominante Arten kurz gehalten. Fällt diese Regulierung der
Räuber weg, so konnte man unlängst beobachten,
steigen
Bestände dominanter, wenig spezialisierter
Nahrungskonkurrenten in
der darunter liegenden Stufe der Nahrungspyramide an und
verdrängen konkurrierende Arten. Die Folge ist eine Verarmung
der
Artenvielfalt – ein eingependeltes Gleichgewicht
gerät aus
der Bahn mit weiteren ökologischen Folgen.
Herkömmlich
leben die Bewohner der Küste von der Fischerei und sind
deshalb
auch indirekt von den Mangroven als Brutstätte für
viele
Fische, Weichtiere und Krebstiere abhängig.
Bei
großflächiger Umwandlung von
Mangrovenwäldern für
Reis- und Kokospalmenplantagen, als Bauland oder für die
Shrimps-Zucht geht diese Lebensgrundlage verloren. Überall
dort,
wo Mangrovenwälder großflächig abgeholzt
wurden, gingen
die Erträge der Küstenfischerei drastisch
zurück, da
sich eine große Zahl wirtschaftlich wichtiger Fischarten dort
fortpflanzt. Ohne die natürliche Kinderstube Mangrovenwald
wird
nicht nur den Fischen, sondern auch der
Küstenbevölkerung,
die Lebensgrundlage entzogen.
Der Ausverkauf der Mangroven
Von Dr. Onno Groß
Die tropischen und subtropischen Mangrovenwälder sind ein
einzigartiges Ökosystem
im
Übergangsbereich zwischen Wasser und Land. Doch mehr als die
Hälfte der weltweiten Mangrovengebiete wurden bereits
zerstört. Heute nimmt die Mangrove mit 170.000 qkm noch ca. 1%
der
gesamten tropischen Waldfläche ein. Nur ein Schutz der
verbliebenen Wälder und ein Umdenken im
Küstenzonenmanagement
kann den baldigen Ausverkauf der Mangroven stoppen.
Indonesien, Nigeria und Australien
haben von insgesamt 117 Ländern heute noch die
größten
intakten Mangrovengebiete. Insgesamt beherbergen diese Wälder
193
Pflanzen-, 397 Fisch-, 259 Krebs-, 256 Mollusken-, 450 Insektenarten
und mehr als 250 andere Tierspezies. Die hochproduktiven
Ökosysteme haben große Bedeutung für die
Küstenmorphologie. So schwächen sie die Erosion ab
und tragen
zur verstärkten Sedimentation bei. Auch die Auswirkungen von
Stürmen, die die tropischen Küstengebiete immer
wieder
heimsuchen, werden von den Wäldern gemindert. Zudem bildet der
organische Abfall aus den Mangrovenwäldern die Basis
für die
Nahrungskette in den angrenzenden Gewässern.
Trotz dieser Vorteile
werden die
Mangroven tagtäglich abgeholzt. Die Ursachen liegen zu einem
großen Teil darin, dass die ökologische und
ökonomische
Bedeutung dieser Gebiete unterschätzt wird und sie wie
nutzloses
Brachland behandelt werden. Besonders nachteilige Auswirkungen auf die
Mangroven hat das Anlegen von Garnelen- und Fischteichen, da
für
das Ausbaggern große Flächen abgeholzt und der Boden
eingeebnet werden. Dadurch kommt es zu Veränderungen in den
Strömungsverhältnissen sowie häufig zur
Grundwasserabsenkung. Über-düngung und andere
Praktiken
führen zur Verschlechterung der Wasserqualität,
Absenkung des
Sauerstoffgehalts, Toxifikation und zum Tod der Mangroven.
Für die
zunehmende
Küstenbevölkerung sind die Mangrovenwälder
als Schutz-,
Lebens- und Wirtschaftsraum von unschätzbarem Wert. Unbedingt
gilt
es daher die “shifting aquaculture” - unbrauchbar
gewordenen Teiche werden schon nach drei bis sieben Jahren aufgegeben
und durch neue ersetzt – sofort zu verbieten. Auch die
Praxis,
dass auswärtige Betreiber die Fisch- und Garnelenzucht in den
Küstengebieten einführen und sie mit billigen
Arbeitskräften durchführen, verhindert ein
nachhaltiges,
lokal gesteuertes Management. Die abnehmenden Fischereierträge
in
den Küstenmeeren zwingt die Länder immer mehr zur
Aquakultur.
Aber nur durch das Einhalten von umwelt- und
sozialverträglichen
Standards kann diese Nahrungsquelle erfolgreich erschlossen werden.
Quellen:
•
V. P.
Upadhya, Rajiv Ranjan and J. S. Singh Human–mangrove
conflicts:
The way out CURRENT 1328 SCIENCE, VOL. 83, NO. 11, 10 DECEMBER 2002
•
Mangroven-Uhr: Stellenwert, Ursachen ihrer Schädigungen und
Möglichkeit ihrer Rehabilitierung, GTZ 2003
Garnelen
entwurzeln Indiens Küsten
Von Dr. Onno Groß
In
vielen Länder Asiens hat die Shrimpsindustrie in den letzten
Jahrzehnten verbrannte Erde hinterlassen. Ganz besonders deutlich wird
dies in Indien, in der der durch die Weltbank eingeführte
industrielle Agrarsektor mehr zerstört als bewirkt hat. Und
zum
Teil sind die schrecklichen Folgen der 2004 Tsunami-Katastrophe ein
Ausdruck dieser unverantwortlichen Wirtschaftsweise.
So
wurde in Indien
der Mangrovenbestand in den letzten drei Jahrzehnten auf weniger als
1/3 der ursprünglichen Fläche reduziert. Zwischen
1963 und
1977, als die Aquakultur-Industrie in Indien gefördert wurde,
vernichtete Indien fast 50% seiner Mangroven. In Andhra Pradesh wurden
mehr als 50.000 Menschen der dort ansässigen Gemeinden
gewaltsam
vertrieben, um Platz für die Garnelen-Farmen zu schaffen.
Zusätzlich fiel der verbliebene Mangrovenbestand der
Hotelindustrie und anderen Industrien zum Opfer, obwohl in der
‘Coastal Regulation Zone’ (CRZ) eine
500-Meter-Pufferzone
zum Meer vorgesehen wurde. Umweltschützer, die sich
für
Mangroven einsetzen, werden nach wie vor politisch ignoriert, so
beispielsweise Aktivisten, die bei den berühmten Mangroven von
Bhiterkanika in Orissa die Brutplätze der
Olive-Ridley-Schildkröten retten wollen.
Dementsprechend
traf
die Flutwelle vom 26. Dezember 2004 auf entwurzelte
Küsten ohne
intakte Mangrovenwälder und verursachte besonders hohe
Opferzahlen: Etwa 35.000 Menschen starben allein im Süden
Indiens.
Wo die Mangroven noch dicht stehen, wie in Regionen von Tamil Nadu
(Pichavaram und Muthupet), hat es dagegen geringere Opferzahlen bzw.
wirtschaftliche Verluste gegeben.
Trotz
dieser
Katastrophe ist in kein Umdenken vorhanden: Erneut werden entlang der
Küsten Tausende von Garnelenteiche angelegt. Die
Garnelenfarmen
machen etwa 152.000 Hektar (20031) aus. Andhra Pradesh besitzt alleine
47% der Teichfläche und stellt 50% der Gesamtproduktion.
Entlang
der Küsten wird nur eine Art, Penaeus monodon, die
Riesen-Tigergarnele in den Brackwasserteichen gezüchtet, was
diese
Farmen empfindlich für Virusepidemien macht. Die
Erträge
erreichen vier bis sechsTonnen pro Hektar.
Nach
dem Einbruch
des Exports durch den Tsunami von ehemals 105.000 Tonnen und 750
Millionen US-Dollar Umsatz (2004) setzt Brackishwater Fish Farmers
Development Agency (BFDA) erneut auf Wachstum. Neue Teiche sind derzeit
überall im Bau. Dabei werden die sozialen Kosten in ihre
Nutzenrechnungen nicht übernommen: Eine Shrimps-Farm
durchläuft einen Lebenszyklus von maximal zwei bis
fünf
Jahren. Danach werden die Teiche aufgegeben. Zurück bleiben
Giftabfälle und ein zerstörtes Ökosystem.
Ist alles
vorbei, beginnt der Kreislauf von neuem - in einem anderen
unberührten Küstenabschnitt. Es wird
geschätzt, dass
Shrimps-Farmen der Wirtschaft etwa fünfmal mehr Verluste
zufügen, als sie potentielle Gewinne erwirtschaften.
Shrimpszucht
in Lateinamerika – ein Überblick
Von Martina Möller
Die Länder
Lateinamerikas haben
viele Charakteristika gemein: Es sind Entwicklungsländer,
schwer
verschuldet und mit extrem hohen Armutsraten, aber sie teilen auch
einzigartige Küstenökosysteme. Sie sind reich an
Biodiversität. Mündungsdeltas, Lagunen,
Brackwasserzonen,
langen Stränden oder Mangroven. Quellen unersetzbarer
Güter
und Ressourcen, die häufig den einzigen Schutz gegen
Naturelemente
bieten. Dessen ungeachtet verschwinden diese Landschaften, allen voran
die Mangroven, in den letzten Jahrzehnten fast überall in
besorgniserregendem Maße.
Die Ursache ist in der
Ausbreitung
der Shrimpsindustrie auf alle tropischen Küsten Lateinamerikas
zu
suchen, die besonders in Ecuador, Honduras, Mexiko, Brasilien und
Guatemala, aber auch in Kolumbien, El Salvador, Peru, Venezuela,
Belize, Panama und Nicaragua viele tausende Hektar Land mit ihren
Zuchtbecken besetzt hat. So hat sich beispielsweise in Mexiko die
Fläche der mit Shrimpsbecken bedeckten Küstengebiete
von 1993
bis 1998 bereits verdoppelt. Die Nutzung des
Mangroven-Ökosystems
bedeutet für die Industrie extrem niedrige Produktionskosten,
denn
sie eignet sich ursprünglich öffentlich nutzbares
Land an,
nutzt die Ressourcen, wie z.B. Wasser, des Ökosystems und muss
kaum in die Ausbildung ihrer Arbeitskräfte investieren.
Naturschutz
Neben Land, das
traditionell von der
Küstenbevölkerung genutzt wird, bedroht die
Shrimpsindustrie
auch Ökosysteme, die offiziell unter internationalem Schutz
stehen. Zu den bekanntesten Fällen zählen der
Mesoamerikanische Biologische Korridor (Honduras und Belize), das
Mesoamerikanische Barrier Reef (Belize) und der honduranische Golf von
Fonseca, bzw. die „Ramsar Site 1000“, ein
international
anerkanntes Schutzgebiete der Ramsar-Konvention. Praktisch alle diese
Farmen entsorgen ihre verseuchten Abwässer ungeklärt
in die
benachbarten Flussarme. Seit einigen Jahren ist auch das
ecuadorianische Naturschutzgebiet Cayapas-Mataje mit den
höchsten
Mangroven der Welt, von illegaler Abholzung durch Shrimpsfarmen
bedroht.
Die Abholzung der
Mangroven hat
viele Küsten Lateinamerikas destabilisiert, was in 1998 in
Honduras und 2005 in Guatemala bereits zu Tragödien
führte:
Die Verwüstungen der Hurricane „Mitch“ und
„Stan“ – und damit auch die Zahl der
Toten - waren in
den abgeholzten Gebieten um ein Vielfaches höher, als in Zonen
mit
intaktem Mangrovengürtel. Trotz ihrer Mitschuld am
Ausmaß
der Tragödie, unterstützte die Weltbank die
honduranischen
Shrimpsfarmer mit sechs Millionen Dollar Hilfsgeldern für den
Wiederaufbau ihrer zerstörten Farmen.
Die
Schuldenfalle
Hintergrund der
Bemühungen
internationaler Finanzinstitutionen ist die Politik der
Strukturanpassung, welche Weltbank und IWF den tief verschuldeten
Ländern Lateinamerikas verordnet haben. Zwischen 1980 und 1990
hat
Lateinamerika 238 Millionen US-Dollar an seine Gläubiger,
allen
voran die USA abbezahlt – von 442 Dollar Schulden insgesamt
(Quelle: C-Condem). Um ihre Zahlungsfähigkeit zu sichern,
müssen die Länder ihr Exportvolumen jedoch weiter
steigern -
ohne Rücksicht auf die sozialen und ökologischen
Kosten
dieses Vorgehens.1 Zuchtshrimps zählen heute zu den
wichtigsten
Exportgütern der tropischen Zonen des Kontinents. Daher
unterstützen auch die jeweiligen Landesregierungen die
Produzenten, indem sie sie von Steuerabgaben im eigenen Land befreit
und ihnen staatliche Unterstützung über Subventionen,
Schuldenerlass und „weiche“ Kredite zusichert. Die
Shrimpszüchter stammen in Lateinamerika überwiegend
aus einer
einflussreichen Oberschicht, die eng mit der politischen Elite und
multinationalen Konzernen verflochten ist und sich ihre Vorteile
entsprechend zu sichern weiß – nicht selten unter
Umgehung
der Landesgesetze.
Fischerei
und Aquakultur
Allgemein
lässt sich seit der
„blaue Revolution“2 in den 70er Jahren in den
meisten
lateinamerikanischen Ländern eine Steigerung der Produktion im
Fischereisektor beobachten; tatsächlich haben viele
Länder
ihre Produktion zwischen 1989 und 1999 verdoppelt. Gleichzeitig sind
die mit Exporten erzielten Gewinne deutlich gesunken, so dass mit einer
verdoppelten Exportmenge häufig nur 50-70 % des Gewinns
erzielt
werden konnten wie zuvor. Die Aquakultur, die Ersatz für die
zurückgehenden natürlichen Fischbestände und
neue
Einkommens- und Nahrungsquellen schaffen sollte, ist in vielen
Ländern relativ neuen Datums, verzeichnet aber
überall einen
leichten bis deutlichen Zuwachs. Salzwassershrimps sind darunter nur
eine von vielen Varianten, zeichnen sich aber durch die Besonderheit
aus, dass sie fast ausschließlich für den Export
bestimmt
sind. Die fast überall vorgeschriebenen
Umweltverträglichkeitsstudien fielen hier – wenn sie
denn
durchgeführt werden – meist sehr
willkürlich und
widersprüchlich aus.
Andere Produkte der
Aquakultur, wie
z. B. die Tilapia-Zucht in der Dominikanischen Republik werden durchaus
auch zur Selbstversorgung der Bevölkerung betrieben. Sie kann
in
künstlichen Teichen betrieben werden, ist also nicht auf die
extrem fragilen Küstenökosysteme angewiesen, nicht
dem Druck
der Exportsteigerung ausgesetzt und in ihren Auswirkungen nicht mit
Shrimpszuchtfarmen zu vergleichen.
Armut
und Konflikte
Es braucht keine
Naturkatastrophen,
um den Menschen aus der Nachbarschaft der Shrimpsfarmen ihre Zukunft zu
nehmen. Ohne dass die Fischbestände dadurch entlastet wurden,
verursachten die Shrimps-Aquakulturen eine massive Zerstörung
der
Ökosysteme, die für die Aufrechterhaltung der
Biodiversität unerlässlich waren. Die lokalen
Gemeinschaften,
für die das Ökosystem die Lebensgrundlage bildet,
geraten -
ähnlich wie in der Nachbarschaft anderer industrieller
Großprojekte, allen voran die
Erdölförderung - unter
einen beständigen Druck, der schließlich zu
Verelendung und
Vertreibung führt. Migration aufgrund von
Umweltzerstörung
nimmt in Lateinamerika stetig zu.
Da die Shrimpsindustrie
Gebiete
privatisiert, die zuvor der Bevölkerung für die
Bestreitung
ihres Lebensunterhaltes zur Verfügung standen, bleiben
Konflikte
mit den Farmbetreibern und deren Wachpersonal nicht aus. Das Anzeigen
illegaler Vorgehensweisen durch Shrimpsfarmer verspricht meist wenig
Erfolg. Korruption und Schikanen haben in vielen Ländern ein
Klima
von Hilflosigkeit und Angst geschaffen. Wut und Proteste aufgrund nicht
mehr zugänglichen Fanggründen und Trinkwasserquellen
führen daher häufig zu direkten Auseinandersetzungen
verzweifelter Anwohner mit den bewaffneten Wachposten entlang der
kilometerlangen Zäune, bei denen es in den vergangenen Jahren
immer wieder zu Verletzten kam. In vielen lateinamerikanischen
Ländern haben diese Konflikte bereits einen oder mehrere Tote
gekostet: Allein in Honduras verursachte das Wachpersonal der
Shrimpsfarmen zwischen 1990 und 1998 den Tod von elf Kleinfischern
– und keiner der Täter wurde bis heute bestraft.
Momentan
zeichnet sich Brasilien durch besonders hohe Gewalt in den Konflikten
um die Farmen aus. Für die meisten Länder gilt: Der
Privatisierungsprozess begünstigte große Unternehmen
und
schadet den kleinen Kooperativen, die dem Konkurrenzdruck nicht
standhalten.
Die Tatsache, dass es
sich bei den
Farmbesitzern fast ausnahmslos um Vertreter einer kleinen
gesellschaftlichen Elite handelt, verdeutlicht den ungleichen Kampf um
Ressourcen, der einen ständig wachsenden Teil der
Bevölkerung
von jeder Teilhabe ausschließt und an den Rand der
Gesellschaft
drängt. Für die Bevölkerung der tropischen
Küsten
bedeutet die Errichtung neuer Zuchtbecken kaum Einkommensquellen,
dafür aber weniger Mangroven, weniger Land, weniger Fisch,
weniger
Trinkwasser und mehr Hunger und unsichere Zukunft.
Lösungsansätze
In Lateinamerika sehen
viele
Küstengemeinden dem Vorgehen der Shrimpsindustrie nicht mehr
tatenlos zu. Kleinfischer und Muschelsammlerinnen haben sich vielerorts
zusammengeschlossen und gemeinsame Dachorganisationen
gegründet,
die wiederum in nationalen und lateinamerikaweiten Netzwerken
zusammenarbeiten. Im „Redmanglar“, dem
größten
lateinamerikanischen Netzwerk für den Schutz der Mangroven und
der
Bedürfnisse lokaler Gemeinschaften, sind heute Mexiko,
Honduras,
Guatemala, El Salvador, Kolumbien, Ecuador, Brasilien, Peru, und
Venezuela zusammengeschlossen. Der Ansatz dieser Organisationen
versteht Umweltschutz, Menschenrechte und Entwicklung als untrennbare
Einheit. In einer Vielzahl von Projekten werden
Wiederaufforstungsprojekte, aber auch Beratungs- und Schulungsangebote
für die Bevölkerung und alternative Ansätze
für
eine nachhaltige, regionale Entwicklung unter Selbstverwaltung der
Gemeinden erarbeitet. Im Fall von Ecuador entstand sogar ein eigener
Gesetzesentwurf zum Mangrovenschutz, der zurzeit vom Nationalkongress
diskutiert wird. Die gesetzlich vorgesehenen Möglichkeiten zur
Partizipation an Entscheidungs- und Monitoringprozessen werden in kaum
einem Land umgesetzt. Umfragen ergaben allerdings, dass die Mehrheit
der Betroffenen die Durchführung von Shrimpszuchtprojekten
ablehnt
– mit Ausnahme der Personen, die selber mit der Industrie zu
tun
hatten.3
Der ecuadorianische
Dachverband
C-Condem: „Das bisherige Wirtschaftsmodell passt sich in den
meisten Ländern Lateinamerikas dem Druck und den Anforderungen
der
internationalen Finanzinstitutionen an. Ausgaben für
Gesundheit
und Erziehung werden in diesem Rahmen nicht als
entwicklungsfördernde soziale Investition betrachtet, sondern
als
Ausgaben, die der einzelne Staat unter dem Druck dieser internationalen
Institutionen so gering wie möglich zu halten sucht. Gewinne,
die
nicht in die Tilgung der Auslandsschuld gehen, wandern in die Taschen
einer finanzstarken und einflussreichen sozialen Oberschicht. All diese
Faktoren fördern die Ausbeutung der wirtschaftlichen und
natürlichen Ressourcen zugunsten einiger Weniger“.
Die Nachfrage nach
industriell gezüchteten Shrimps aus Lateinamerika steigt
indessen weiter.
Länderbeispiel
Ecuador
Von Martina Möller
Ecuador ist ein kleines Land mit gerade 13 Millionen Einwohnern, doch
es ist auch der größte Shrimpsexporteur
Lateinamerikas und
– nach Thailand – der
zweitgrößte der Welt.
Der Preis dafür ist die drastische Reduzierung des
Ökosystems, von dem der überwiegende Teil der
Küstenbevölkerung lebte: Ursprünglich
bedeckten 362.802
ha Mangroven und verwandte Ökosysteme die Küsten des
Landes,
im Jahr 2000 sind von dieser ursprünglichen Fläche
nur noch
108.000 ha übrig - das entspricht einem Verlust von 70% in nur
30
Jahren.2 Anstelle der wertvollen Ökosysteme bedecken heute
234.359
ha Shrimpszuchtbecken die Küsten des Landes.3
Da das Land, auf dem die Farmen liegen, als
„öffentlich
nutzbare Fläche“ (tierras de uso público)
allen
zugänglich sein muss, darf es nicht an Privatleute verkauft
werden. Auch die Mangroven, die hier stehen, sind seit 1986 durch die
nationale Gesetzgebung ausdrücklich geschützt. Trotz
alledem
hat außer den Anwohnern der Farmen kaum jemand ein Interesse
daran, illegalen Holzeinschlag, Landbesetzung und Kontaminierung
anzuzeigen – denn die Entscheidungsträger im Land
verdienen
kräftig mit: Vier der persönlichen Berater des
Ex-Präsidenten Noboa sollen selbst in Shrimpsbecken investiert
haben oder auf andere Weise an den Gewinnen beteiligt gewesen sein;
zudem fließen Bestechungsgelder für Richter,
Ordnungskräfte und lokale Autoritäten in diesem
Sektor
reichlich. Wer dagegen aufbegehrt und Recht verlangt, muss sich auf
Schwierigkeiten, manchmal bis hin zu Überfällen und
Morddrohungen gefasst machen. Im Jahr 2001 erkennt die
Cámara
Nacional de Acuicultura an, dass nur 58.000 ha der bestehenden
Shrimpsfarmen nach ecuadorianischem Gesetz legal sind (C-Condem), alle
anderen haben die vorgeschriebenen Prüfungsverfahren nicht
durchlaufen - und würden sie in vielen Fällen wohl
auch gar
nicht bestehen.
Traditionelle
Nutzergemeinschaften
„Unsere Gebräuche, unser Blick auf die Welt, unsere
kulturellen Traditionen, ihre künstlerischen Ausdrucksformen
und
unser Sinn für sozialen Zusammenhalt; all dies ist in enger
Verbindung mit dem Mangrovenwald entstanden. Sein Verschwinden bedroht
unser Leben als Ganzes und vernichtet die Zukunft unserer
Kultur.“ Fundecol, 10 años por el manglar
Die Bevölkerung der ecuadorianischen Küste besteht
hauptsächlich aus traditionellen Gemeinschaften von Sammlern
und
Kleinfischern, für die der Mangrovenwald nicht nur die
Lebensgrundlage, sondern auch die Grundlage ihrer kulturellen
Identität darstellt. Rund eine Million Menschen leben dort
direkt
vom Ökosystem Mangrovenwald. Auch vor dem Aufkommen der
Shrimpsindustrie gehörte diese Bevölkerungsgruppe zu
den
Ärmsten des Landes, zu denen, die man offenbar vergessen hat.
Ihre
Situation hat sich seither noch verschlimmert, besonders in Bezug auf
die Ernährung.
43% der Kinder leiden an Unterernährung und die schlechte
Gesundheitsversorgung führt besonders bei ihnen zu einer
deutlich
erhöhten Sterblichkeitsrate. 70% der Gemeinden haben keine
Wasserleitungen und nur 14 % besitzen ein Abwassersystem und in den
Gebieten um die Farmen haben viele Krankheiten stark zugenommen.
Die Shrimpsindustrie hat den Gemeinden viele Versprechungen gemacht,
von verbesserten wirtschaftlichen Möglichkeiten, über
Arbeitsplätze bis hin zu direkter Unterstützung der
betroffenen Gemeinden, in der Regel findet aber nichts davon
tatsächlich statt.
Seit den 60er Jahren steht Ecuador verstärkt unter dem Druck
der
Schuldenlast, deren gewaltiges Anwachsen einen Teufelskreis aus
Krediten einleitete, an die der IWF Bedingungen knüpfte.
Während 1974 die Schulden noch 16% des Bruttosozialproduktes
entsprachen, waren sie 1981 bereits auf 42% angestiegen. Von jedem 100
US-Dollar-Schein, den die Erdölförderung des Landes
erwirtschaftete, wanderten 71 Dollar direkt in die Schuldentilgung.
Ebenso wie die Erdölförderung, versprach auch die
Shrimpsindustrie in den 80er und 90er Jahren astronomische Gewinne,
doch wie jede Massentierhaltung ist auch sie extrem anfällig
für Krankheiten: Gleich vier verschiedene Epidemien befielen
1999
nacheinander die Zuchtbecken und verursachten einen Einbruch in der
Produktion um 60%. Auch die Zeit arbeitet gegen die Farmen: Bereits
nach 5 bis 8 Jahren ist der Boden so mit Chemikalien verseucht, dass
die Becken aufgegeben werden müssen und ein Ort für
eine neue
Anlage gesucht wird. Zurück bleiben als Erbe für die
Bevölkerung der Küstengebiete ganze Landschaften
versalzener,
steriler, unproduktiver Böden. Eine Studie der
ecuadorianischen
NGO C-Condem stellt nüchtern fest:
„Das Wirtschaftsmodell stützt sich auf die intensive
Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die unsere
Ökosysteme
anbieten; ohne den sozialen und ökologischen Konsequenzen
dieser
Ausbeutung vorzubeugen, deren Auswirkungen nun sichtbar geworden sind,
und ohne eine gerechte Verteilung der Reichtümer zu
garantieren“. C-Condem: Certificando la
Destrucción, S.173
Doch die Bevölkerung in Ecuador hat begonnen, sich zu wehren.
Immer wieder kommt es zu Massenprotesten gegen die Wirtschaftspolitik
und das korrupte Vorgehen der Regierungen. An den Küsten haben
sich kleine Gruppen von Fischern und Muschelsammlerinnen zusammengetan,
um für ihr Überleben zu kämpfen, indem sie
verlassene
Flächen wiederaufforsten, lokale Kleinprojekte organisieren
und
sich über ihren Dachverband um die Durchsetzung ihrer Rechte
bemühen. Häufig bleibt jedoch nur die Flucht aus dem
ländlichen Elend in das – kaum geringere –
Elend der
großen Städte. Immer mehr versuchen daher, das Land
zu
verlassen. Ihre Überweisungen sind längst zu einer
unverzichtbaren Einkommensquelle für das
ausgeplünderte Land
geworden.
„Vor zehn Jahren träumte eine Gruppe junger Leute in
Muisne
von einem großen Volk, frei und
würdevoll… Dieser
Traum ist bis heute präsent, latent und lebendig, und es gibt
Tausende von Menschen im Land, die ihn mit uns teilen.“
Líder Góngora über den beginnenden
Widerstand der
Küstengemeinschaften gegen die Zerstörung ihres
Lebensraumes
Zur Zeit befinden sich etwa eine Million Ecuadorianer im Ausland.
----------------------------------------------------------------------
1
Die Situation in Ecuador kann in ihren Grundzügen als
exemplarisch
für die meisten lateinamerikanischen Länder gelten,
in denen
eine Shrimpsindustrie existiert.
2 Quelle: C-Condem, Zahlen aus: Clirsen
3 Quelle: C-Condem, aus: Censo
Nacional Agropecuario.